Abgetaucht und aufgetaucht
Von PetraSchuseil | 10.Mai 2014
Die eine oder der andere weiß es schon: Seit Ostern fahre ich zwischen Frankfurt und dem Zürichsee hin und her. Es geht mir so wie ein guter Bekannter es beschreibt: Er wird in seinem Sabbatical auf den Lofoten sein und im Polarmeer abtauchen. Die Unterwasserfotografie ist seine Profession. Er wird zusammen mit Touristen die Lebewesen unter Wasser beobachten und fotografieren. Wir können ihn im Internet bei seinen Tauchgängen begleiten und ihm über seine Fotos nah kommen. Robert wird ab- und dann wieder auftauchen.
So wie er in eine ganz andere Welt abtaucht, geht es mir ein bisschen mit meinem neuen Projekt in Frankfurt. Ich tauche ab in eine andere Welt und dann wieder auf. Mein derzeitiges Tauchprojekt bringt mich als freie Mitarbeiterin in die Kommunikationsabteilung einer sehr erfolgreichen und beliebten Bank in Frankfurt. Als Textspezialistin unterstütze ich das Team der Kundenkorrespondenz. Endlich einfach schreiben, so wie ich es schon immer tun wollte.
Ich wurde gefragt, wie ich diesen Job gefunden habe: Anfang des Jahres informierte ich meine Frankfurter Bekannten, dass ich eine neue Aufgabe suche: Habe all meine Stärken und Kompetenzen – unabhängig vom Coaching – in den „Warenkorb“ hineingegeben: ich schreibe und kommuniziere gerne, recherchiere, organisiere. Eine meiner Coachkolleginnen hat die Mail gelesen. Während ihres Mädelabends fragte eine ihrer Freundinnen: „Ich suche jemanden, die texten und coachen kann … et voilà. Die Freundin, meine Auftraggeberin, hat mich kennengelernt und wir wurden uns einig. Bingo!
Ich tauche ein
- in Frankfurt
- in die Bankenwelt
- in ein 17-stöckiges Hochhaus
- in ein Großraumbüro
- an meinem Schreibtisch
- in mein Team mit neuen Kolleginnen und Kollegen
- in meine Projekte
- in einen nach-dem-Mittagessen-Spaziergang am Messeturm vorbei
Ich lasse mich ein auf einen fremden Wirkungskreis mit für mich neuen Vorgaben, Werten, Spielregeln, Ritualen und einem neuen IT-System.
Das Bild des Tauchers trifft es vortrefflich: Es ist in der Tat so, als wenn eine große Welle über mich schwappt, wenn ich in die Bankenwelt eintauche. Ich betrete eine andere Welt, höre neue Abkürzungen, ein anderes Vokabular, Fachjargon.
Bei den vielen neuen Eindrücken, die ich tagsüber gewinne, raucht dann schon mal kräftig mein Gehirn. Das lüfte ich ordentlich aus, wenn ich wieder auftauche. Es braucht seine Zeit. Ich muss mich „an Land“ neu sortieren. Deshalb braucht es eine private „Tauchbasis“, in der ich mich wohl fühle und mich ausruhen kann.
Ich wohne in einer hübsch möblierten Wohnung in Frankfurt, über airbnb.com gebucht. In der Nachbarschaft ist es total ruhig. Ich kann stramme Walks unternehmen. Abends liebe ich es ins Kino zu gehen oder meine Freundinnen zu treffen. So richtig auftauchen und durchatmen bedeutet dann am Wochenende nach Hause zu fahren (mein Blogartikel entsteht gerade während der Zugfahrt):
- mit dem Zug an den Zürichsee heimfahren
- an meinem Laptop schreiben und texten
- meinen Ideen folgen
- lange Spaziergänge unternehmen
- meinen Mann wiedersehen
- den Blick in die Berge genießen
Wenn man wie ich gern zwischen zwei Welten hin- und herreist, braucht es wirklich Zeit zum Ankommen. Beim Tauchen heißt dies „Nullzeit“. In einer ganz bestimmten Tiefe muss man sich aufhalten, bevor man ganz auftauchen kann, sonst verkraftet das der Körper nicht. Da geht es um den Stickstoff im Blut. So wie ein Taucher sich erstmal aus seinem Anzug pellen, ihn zum Trocknen aufhängen und die Gasflaschen neu befüllen muss, packe ich Koffer aus oder ein. Verbringe Zeit im Zug. Unterwegs zu sein und abzutauchen bedeutet, dass man
- viele verschiedene neue Dinge und Aspekte kennenlernt und entdeckt
- sich wieder ein Stück mehr begegnet
- überhaupt wieder dazulernt
- immer wieder Zufällen entgegen stolpert
- seinen Horizont erweitert, über den Tellerrand guckt
- seine Komfortzone verlässt
- neue Menschen trifft, die einen auf dem Weg begleiten
Es braucht Mut, eine Ausbildung und nicht nur einen Tauchschein um kopfüber ins Wasser zu springen. Im Wasser wie an Land braucht es
- Profession
- Professionalität
- langen Atem im wahrsten Sinne des Wortes
- Flexibilität und Improvisationstalent für schwierige Situationen
- Know-how, Neugier und Standing
Die kommende Woche verbringe ich am Zürichsee. Gäste reisen an und wollen verwöhnt werden. Das Bed and Breakfast am Zürichsee läuft weiter – meist an den Wochenenden. Coachinggespräche finden in Frankfurt in meiner “alten” Bürogemeinschaft statt. Herrlich finde ich das, wenn ich in bekanntes Fahrwasser eintauchen kann.
Lesen Sie meine Antworten bei Claudia Frey in der Interview-Reihe: I do it my way.
Topics: Business, langer Atem, selbstbestimmt!, Wendepunkte, wesentlich werden | 2 Kommentare »
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11.Mai 2014 um 16:26
Hallo Petra, nun lese ich deinen Blog schon seit gefühlten 8 Jahren (wann warst du in Hongkong?)und liebe deine Geschichten und Nachrichten immer wieder aufs neue. Dein Stil, deine Erfahrungen und dein Mut,einzutauchen in die verschiedensten Lebensfacetten, sie aufzunehmen und vorurteilsfrei anzunehmen, sind ungemein inspirierend. Ich wünsche dir dabei weiterhin viele bereichernde Erlebnisse.
12.Mai 2014 um 18:21
Hallo liebe Barbara, meine treue Leserin,
hmmm … so 6-7 Jahre liest Du mich schon, aber wir kennen uns länger, gell?
Danke für Dein Feedback, dass Dich mein Eintauchen in fremde Welten inspiriert. Ich wurde gefragt, wie ich bei meinem Rhythmus bleibe, meinen Rhythmus finde … ich denke, das kommt schon gut rüber in diesem Text, werde ich ggfs. noch vertiefen.
Dass ich tolerant bin Situationen und Menschen gegenüber ist sicher eine große Stärke von mir. Das tue ich wirklich. Danke, dass Du das so gut einschätzt.
Bis bald. Herzlich. petra